Die Schmiedin
Christine Wild hat über einige Umwege ihre Leidenschaft gefunden. Heute verbindet die Schmiedin Feuer, Eisen und altes Handwerk mit neuen Ideen – und erweckt im Meierhof des Stiftes Seitenstetten eine über 50 Jahre stillgelegte Schmiede wieder zum Leben und erfüllt sie mit neuer Energie.
Gleich beim Eingang zu ihrer neuen Schmiede fällt mir ein Holzstock mit einem handgeschmiedeten Nagel auf. Christine Wild bemerkt meinen neugierigen Blick und erklärt: „Das ist ein Stock im Eisen. Wenn Schmiede auf der Walz sind, hinterlassen sie einen selbst geschmiedeten Nagel als Dankeschön für den Schmiedemeister, der auch die Visitenkarte des Schmiedes darstellt.“
Noch wirkt der Stock bei Christine ein wenig einsam, aber das ist erst der Anfang. Ein schöneres Symbol für den Neubeginn könnte es eigentlich kaum geben, als einen selbst geschmiedeten Nagel von einem Berufskollegen zu bekommen. Denn auch in der alten Schmiede selbst beginnt gerade ein neues Kapitel.
„Ich habe lange gebraucht, bis ich meines gefunden habe“, erzählt sie. Mit 34 Jahren wagte sie schließlich einen völligen Neustart und begann an der HTL Steyr – Abteilung Art and Design mit Fachrichtung Kunstschmiede und Metallplastik – eine einzigartige Ausbildung in Österreich.
Und plötzlich war da etwas, das passte. „Feuer und Eisen ist genau das, was ich immer gesucht habe.“ 2015 führte ihr Praktikum nach Ybbsitz zu Schmied Sepp Eybl. Sie blieb, lernte viel von ihm – und über das Schmieden fand die Tirolerin schließlich ihren Weg ins Mostviertel.
Kraft trifft Fingerspitzengefühl
Was ist es aber, das einen Menschen am Schmieden derart faszinieren kann? Christine muss kurz überlegen. „Puh, das Feuer berührt mich“, sagt sie schließlich. Es ist die Verwandlung des Materials, die sie bis heute begeistert. Eisen wird in der Glut erhitzt, das Gefüge verändert sich und wird plötzlich formbar. Mit Hammer, Kraft und Erfahrung entsteht daraus etwas Neues.
Dabei ist Schmieden keineswegs nur eine Frage der Muskelkraft. Gerade diese Gegensätze liebt Christine an ihrem Beruf: „Es vereint beides – kraftvolles Arbeiten und gleichzeitig sehr feinfühlige, feine Arbeiten mit künstlerischem Anspruch.“
Besonders am Herzen liegt ihr auch das Restaurieren. Denn Eisen hat für Christine eine faszinierende Eigenschaft. „Eisen kann eigentlich nicht zu alt werden, dass man es nicht mehr reparieren kann.“
Ein Gedanke, der in unserer schnelllebigen Zeit fast ein wenig aus der Zeit gefallen scheint – und gerade deshalb so gut tut. Nicht wegwerfen und neu kaufen, sondern erhalten, reparieren und weiterverwenden.
Nach 50 Jahren brennt das Feuer wieder
Und jetzt beginnt für Christine ein ganz neuer Lebensabschnitt. Sie hat sich selbstständig gemacht und ihre eigene Schmiede eröffnet. Im historischen Meierhof des Stiftes Seitenstetten hat sie die alte Schmiede übernommen, in der rund 50 Jahre lang nicht mehr gearbeitet wurde. Ursprünglich diente sie als Huf- und Wagenschmiede. Nun soll wieder Leben einziehen.
Christine möchte daraus wieder eine völlig funktionsfähige Schmiede machen, eigene Arbeiten anfertigen und sich weiterhin der Restaurierung widmen. Während sie mir von ihren Plänen erzählt, spürt man schnell: Hier eröffnet nicht einfach jemand einen neuen Arbeitsplatz. Hier wird ein Stück altes Handwerk wieder lebendig.
Eine Frau am Amboss
Natürlich interessiert mich auch, wie es Christine als Frau in einem Handwerk ergeht, das man noch immer überwiegend mit Männern verbindet. Ihre Antwort kommt sehr eindeutig: GUT! „Ich hatte nie das Gefühl, nicht wertgeschätzt zu werden.“ Von Kollegen und auch von der Innung habe sie immer viel positives Feedback bekommen. Natürlich gebe es Arbeiten, die körperlich sehr schwer seien, und die sie nicht allein machen kann. Dann holt sie sich Unterstützung und Rat bei Kollegen – ganz selbstverständlich.
Überhaupt ist der Austausch innerhalb des Handwerks wichtig. Bei Schmiedetreffen, auch europaweit und sogar international, werden Kontakte gepflegt, Erfahrungen ausgetauscht und Bewerbe ausgetragen. Momentan hat Christine viele Treffen allerdings bewusst etwas reduziert. Ihre Energie hatte sie in diesem Jahr ganz der Eröffnung und der Sanierung der Schmiede gewidmet.
Wenn das Feuer den Advent erhellt
Ganz auf das Schmieden außerhalb ihrer Werkstatt verzichtet Christine aber nicht. Einen Termin lässt sie sich nicht nehmen: Die Flammende Lichterweihnacht in Waidhofen an der Ybbs. Bereits zum fünften Mal ist sie heuer beim Schauschmieden in der Schwarzen Kuchl des Rothschild Schlosses dabei. Neben ihr werden die traditionellen gebackenen Mäuse zubereitet. „Wir sind schon fast ein Team“, erzählt Christine lachend. Man schaut aufeinander, fragt, ob jemand etwas braucht, und hilft sich gegenseitig.
Es ist aber vor allem die Atmosphäre, die sie begeistert. Der Schwarzbach, das historische Gemäuer und die besondere Stimmung am Abend. Und natürlich das Feuer. Gerade in der dunklen Jahreszeit entfaltet es für Christine eine ganz besondere Wirkung. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum das Schauschmieden beim Adventmarkt bei den Besuchern so beliebt ist. Man hört den Hammer auf den Amboss treffen, spürt die Wärme und kann aus nächster Nähe beobachten, wie sich das glühende Eisen unter den Schlägen verändert.
Ein Handwerk mit Zukunft
„Schmieden wird es immer geben“, sagt sie. Trotz Digitalisierung und Modernisierung werde es auch in Zukunft Menschen brauchen, die Dinge mit ihren Händen herstellen und reparieren können. Vieles davon sei heute aus unserem Alltag verschwunden – und umso wichtiger sei es, den Menschen zu zeigen, wie Handwerk tatsächlich funktioniert.
Vielleicht liegt darin auch die besondere Faszination des Schauschmiedens: Wir sehen nicht nur ein fertiges Produkt. Wir erleben, wie es entsteht. Aus Feuer, Eisen, Können – und Zeit.
Tirol meets Mostviertel
Dass ihr Weg sie einmal von Tirol ausgerechnet ins Mostviertel führen würde, hätte Christine früher selbst nicht gedacht. Und die unvermeidliche Frage bekam sie nach ihrer Ankunft natürlich öfter zu hören: „Gehen dir die Berge nicht ab?“
Nein, die Landschaft im Mostviertel sei wunderschön – und Berge gebe es schließlich auch hier. Ihrer Tiroler Heimat ist sie trotzdem eng verbunden und fährt regelmäßig nach Hause. Und während ich mich in ihrer neuen Schmiede noch einmal umschaue, denke ich wieder an den einzelnen Nagel am Stock im Eisen beim Eingang.
Christine Wild hat viele Wege eingeschlagen und dabei sehr viele Erfahrungen sammeln können. Mit 34 Jahren begann sie noch einmal ganz von vorne. Heute, gut elf Jahre später, steht sie in ihrer eigenen Schmiede.
Das Feuer brennt wieder. Und dieses Mal ist Christine ganz offensichtlich angekommen.
Weihnachstzauber im Schloss erleben
Fotocredits:
Die Schmiedin: www.hasisfotos.at
Adventmarkt: Das Schloss an der Eisenstrasse